Magazin - Ausgabe 02/2000
ISSN 1439-9954

Zur Rolle von Computer Mediated Communication (CMC)
für interdisziplinäre Wissensarchitekturen
am Beispiel der österreichischen Kulturlandschaftsforschung

von V. Winiwarter, Wien

 

5.  Schlüsse aus den Erfahrungen der CLOC – Thesen zu einer Wissensarchitektur für interdisziplinäre Prozesse

Es gilt nun, die Erfahrungen mit dem Experiment CLOC möglichst nutzbringend zur Verfügung zu stellen. Die folgenden Thesen sind auf der Analyse der Innen-/Außendifferenz, die wohl alle vergleichbaren Programme aufweisen, aufgebaut und versuchen, dadurch entstehende Schwierigkeiten durch eine geeignete Kommunikationspolitik abzumildern. Sie berücksichtigen die Differenz zwischen Information und Kommunikation, und versuchen, beide Formen des Umgangs mit Inhalten geeignet zu berücksichtigen. Die spezielle Form des für interdisziplinäre Gruppen verfügbaren Wissens ist der dritte Grundpfeiler, der einbezogen wird.

Die folgenden Thesen über Kommunikationsprozesse in interdisziplinären und transdisziplinären Forschungsprogrammen sind erfahrungsorientierte Beiträge und verstehen sich als Anregung zur Diskussion.

  1. Interdisziplinäre Wissenschaft fußt mehr als disziplinäre Wissenschaft auf der persönlichen, nicht der wissenschaftlichen Kommunikationskompetenz der Beteiligten. Das sollte im Idealfall bei der Auswahl der Leitungspersonen eine Rolle spielen, zumindest aber in programmspezifische Weiterbildung von Leitenden einfließen.

  2. Interdisziplinäre Wissenschaft braucht Vertrauen, welches nicht über CMC, sondern nur über face-to-face Kommunikation herstellbar ist. Vertrauensbildung in Teams ist ein langsamer Prozeß, der durch Konkurrenzen leicht gestört werden kann. Entscheidungsprozesse sollten also möglichst transparent und nachvollziehbar gestaltet werden, und auch möglichst schnell verfügbar sein. Das fordert die begleitende Verwendung von CMC. Sie darf aber eben nur begleitend, nicht als Ersatz von persönlicher Interaktion, ja dem Schaffen gemeinsamer Erfahrungen (z.B. durch gemeinsame Feldforschung) eingesetzt werden.

  3. In großen interdisziplinären Programmen – und aufgrund der Interdisziplinarität sind solche Programme meist größer als disziplinäre Schwerpunkte – ist es für Einzelne nahezu unmöglich, das Gesamtprogramm zu überblicken. Kommunikation nach innen zu den Beteiligten ist daher eine Grundvoraussetzung für Vernetzung, die ja nur auf der Basis des Voneinander-wissens erfolgen kann. Diese Kommunikation muß eine gewisse Stetigkeit aufweisen, darf sich also nicht nur auf größere Tagungen etc. beschränken (die ja wieder eher der Information als der Kommunikation Auftrieb geben), sondern Angebote verschiedenen Umfangs für verschiedene Zielgruppen innerhalb eines solchen Programms aufweisen. Insbesondere Zielgruppen quer zur Projekt- oder Modulstruktur wären zu fördern (z.B. alle DiplomandInnen des Programms, alle Frauen, alle Angehörigen einer Disziplin). Solche Quervernetzungen haben die Aufgabe, vorgegebene Machtgefälle auszugleichen. Sie ohne paternalistische Besserwisserei zu organisieren, stellt Koordinationseinrichtungen vor sehr diffizile Aufgaben.

  4. Will man eine längerfristige Wirkung unter den Bedingungen der Projektforschung erreichen, muß Kommunikation extra finanziert und ein "Gedächtnis" des Gesamtprogrammes geschaffen werden. Dies ist vor allem aus zwei Gründen nötig: Ein Forschungsprogramm produziert viel "halbfertiges", das nie den Schritt zur international indizierten Zeitschrift schafft, aber sehr wohl interessant und vielleicht sehr wichtig ist. Will man eine Vernetzung erreichen, die über kurzfristige Partnerschaften hinausgeht, muß das erarbeitete Wissenskorpus leicht und rasch zugänglich sein. Die vom Österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr (BMWV) herausgegebene Schriftenreihe des Programms ist ein Schritt in diese Richtung, die aber im Gegensatz zur Anfangsphase nun aufgrund ihrer Trägheit (von der Einreichung eines Manuskripts bis zu dessen Publikation vergehen zumindest mehrere Monate) den Vernetzungsanspruch nicht gut erfüllt.

  5. Das "Gedächtnis" eines solchen Programmes sollte auf allen Ebenen verankert werden: Auf der Ebene des einzelnen Forschers / der einzelnen Forscherin, auf der Ebene des Projekts / des Moduls (eventuell entsprechender Teilmodule) sowie auf der Programmebene. Unter "Gedächtnis" ist dabei eine schriftlich fixierte und wiederauffindbare Form der Notiz zu verstehen, die vom Ergebnisbericht bis zu einzelnen Literaturhinweisen und zu persönlichen Eindrücken aus Sitzungen etc. alles umfassen können sollte. Dabei ist ein Problem bislang ohne Lösungsansatz: Wie kann man hochentropische Kommunikationsprozesse in Informationen umwandeln, ohne daß ihr Succus verlorengeht? Zettelkastenprogramme bzw. die einfache Ablage von Projekttexten in HTML Format mit der Möglichkeit, links anzulegen, wären Möglichkeiten, ein solches Gedächtnis zu beginnen. Automatische Erstellung von Verknüpfungen zum gleichen Stichwort sind zu bevorzugen, doch können auch mit einfachen Suchmaschinen bereits gute Ergebnisse erzielt werden. Das Projekt Synapse versucht, internetbasiert mit Hilfe von HTML einen hochvernetzten Zettelkasten zu ermöglichen: http://infosoc.uni-koeln.de/synapsen/synapsen.html . Ob dieses Experiment erfolgreich sein wird, läßt sich noch nicht beurteilen, die dem Projekt zugrundeliegende Logik ist aber nachvollziehbar und überzeugend.

  6. Interdisziplinär organisierter Zugang zu Wissensspeichern sollte erleichtert, gefördert, ermöglicht werden. Das bedeutet, daß zu den Indizierungs- und Aufstellungssystemen disziplinärer Wissensspeicher zusätzliche Findehilfen aufgebaut werden sollten. Dieser Punkt sollte keinesfalls unterschätzt werden. Die vergleichende Analyse der Bibliothekssysteme in den USA und Deutschland, die WELLENREUTHER (1996) unternommen hat, läßt ihn die schlechte Verfügbarkeit von Informationen für interdisziplinäres Arbeiten als ein wesentliches Hemmnis gegenüber interdisziplinärer Forschung in Deutschland identifizieren. Die Situation in Österreich ist, sofern anders, nur schlimmer.

Aus den geschilderten Anforderungen läßt sich eine ideale Wissensarchitektur entwickeln. Sie besteht aus einer newsgroup, einem Diskussionsforum, einer zentralen homepage des Programmes, einem projektbasierten Webring, der sowohl über die homepage als auch als solcher über eine eigene Einstiegsseite zugänglich ist, sowie einem interdisziplinären virtuellen Archiv mit entsprechender Suchmaschine, die den disziplinären Wissensbasen entgegensteuert. Die wesentlichen Funktionen dieser Teile sind:

  1. Aktueller Austausch von "kleinen Informationen", deren inhaltliche Bedeutung auf Programmebene liegt: Das sind z.B. Ankündigungen von Tagungen, neuen Publikationen, Forschungsförderungsmöglichkeiten, etc. Eine solche Funktion könnte am besten eine projektweite, von einzelnen ForscherInnen abonnierte "NEWS" – Liste erfüllen, in die seitens der Vernetzungsverantwortlichen regelmäßig, seitens der Beteiligten auf freiwilliger Basis gelegentlich Information verteilt wird. Üblicherweise findet hierüber keine größere Kommunikation statt. Derzeit wird ein Vorläufer einer solchen newsgroup über Rundmailings seitens der Koordinationsstelle betrieben. Wenn es eine newsgroup gibt, wäre auch deren Archivierung als Teil des homepage-Angebotes des Programms möglich und sinnvoll.

  2. Diskussion von thematischen, inhaltlichen Fragen und Suche nach Diskussionspartnern, inhaltliche Hinweise (Websites, Publikationen, Partnersuche sowie ganz entscheidend: Nutzung der Gruppenkompetenz für Beratungsleistungen einzelner Projekte. Einbeziehung von Personen, die nicht als Projektpartner am Programm beteiligt sind, aber Interesse an ihm haben. Eine solche Funktion sollte das seit kurzem bestehende D-KLF, das Diskussionsforum KLF erfüllen. Im Rahmen eines solchen Diskussionsforums könnte auch die vermehrt vorausgesetzte Kommunikation mit internationalen Partnern abgewickelt werden. Um dazu einen Anreiz zu schaffen, wurde ein Archiv von Projektpräsentationen in das Forum integriert.

  3. Zentrale Homepage des Programmes: Auch dieser Teil der Wissensarchitektur ist bereits in einer ersten Version vorhanden. In einer solchen zentralen Informationsressource ist neben einem Gesamtüberblick über Orte und Inhalte, wie er jetzt mit doppelter Suchfunktion nach Orten und Inhalten möglich ist, Platz für die Darstellung der Wissensarchitektur und für einen Überblick über den Prozeß der Weiterentwicklung des Programms, etwa durch Darstellung der Geschichte des Programms bis zum jeweilig aktuellen Stand. Eine gute internationale Vernetzung dieser homepage ist anzustreben, sowohl durch Setzen eines internationalen, interdisziplinären Linkangebotes als auch durch die Einwerbung möglichst guter Erreichbarkeit durch links von anderen Seiten.

  4. Interdisziplinäre Projektpräsentation im Internet, welches wegen seiner raschen und billigen Verfügbarkeit gegenüber den herkömmlichen schriftlichen Produkten Priorität erhalten sollte; auch deshalb, weil es durch seine grafische Struktur zu kurzen und vergleichsweise einfachen Darstellungen Anlaß gibt, vor allem aber, weil es die nichtlineare Vernetzung von Ergebnissen fördert. Einen solchen Anspruch könnte ein Webring erfüllen, in dem die Darstellungen aller Projekte verknüpft sind. Die Gestaltung einzelner Seiten bleibt dabei der Kompetenz der Projekte /Module überlassen, was einen Verbreiterungseffekt des technischen Basiswissens zur Folge hat.  

  5. Während der Webring sich vor allem auch nach außen, an potentielle Interessenten und Anwender wendet, sollte das virtuelle Archiv (oder der "interdisziplinäre Zettelkasten") vorwiegend den Projektmitarbeitern zur Verfügung stehen, um die Probleme interdisziplinärer Forschung mit disziplinär organisiertem Wissen zu mildern.

 

CLOC-Archiv - Sitemap
Abb. 3: Sitemap der CLOC in der letzten Ausbaustufe

Die CLOC als Pilotprojekt einer auf gezielter Nutzung neuer Medien und CMC aufbauenden Wissensarchitektur für ein interdisziplinäres, anwendungsorientiertes Umweltforschungsprogramm hat viele Anregungen erbracht. Der Aufwand für die dargestellten Bausteine des Gesamtkonzepts ist zum Teil beträchtlich. Eine Entscheidung über das Primat von CMC vor traditionelleren Medien der Veröffentlichung steht an und sie sollte bewußt getroffen werden. Die Erfahrungen der CLOC stehen dafür zur Verfügung: www.cloc.org/forum und dann weiter zum CLOC Archiv.