Magazin - Ausgabe 02/2000
ISSN 1439-9954

Zur Rolle von Computer Mediated Communication (CMC)
für interdisziplinäre Wissensarchitekturen
am Beispiel der österreichischen Kulturlandschaftsforschung

von V. Winiwarter, Wien

 

2.  Umweltwissenschaft im öffentlichen Auftrag

Das Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr, welches bis vor kurzem in Österreich existierte (es wird von einem Bildungsministerium abgelöst), hatte sich einer am Prinzip der nachhaltigen Entwicklung ausgerichteten Umwelt-, Gesellschafts-, Wirtschafts- sowie Technologiepolitik verschrieben, in der das Referat für ökologische Forschung durch ein Programm zur nachhaltigen Entwicklung österreichischer Kulturlandschaften eine wichtige Rolle spielte und spielt ( www.klf.at ). In diesem Programm wie in der gesamten Umweltforschung des Ministeriums soll explizit interdisziplinäre Problemlösungsforschung als "least cost science" betrieben werden (vgl. SMOLINER 1998).

Die folgenden Anmerkungen sind auch als kritische Reflexion dieser Ansprüche aus der Sicht der beteiligten WissenschafterInnen zu verstehen, dargelegt am Beispiel des Schwerpunktprogramms "Kulturlandschaftsforschung". Im Sinne des Anspruchs, die Differenz zwischen Innen und Außen als Analysedimension verfügbar zu machen, referiere ich hier eine vielfache Innensicht, die an der sich als Außensicht verstehenden Sicht des Programmcontrollings entlang entwickelt wurde (vgl. KROTT 1998).

 

2.1  Das österreichische Schwerpunktprogramm Kulturlandschaftsforschung aus Sicht einer Beteiligten

Im Juli 1992 erteilte der damalige Bundesminister für Wissenschaft und Forschung den politischen Auftrag zu einem Programm, das sich mit der nachhaltigen Entwicklung österreichischer Kulturlandschaften beschäftigen sollte. Die daran anschließenden Schritte lassen sich als eine Abfolge vorsichtiger Verflechtung von Öffnung und Schließung interpretieren. Zuerst öffnete sich das Programm dem Input aus der wissenschaftlichen Öffentlichkeit: Nachdem über 600 österreichische Experten mittels Fragebogen zu ihren Vorstellungen befragt worden waren, begann im Dezember dieses Jahres eine vom Ministerium beauftragte Gruppe aus drei Wissenschaftlern und einer Wissenschaftlerin als "Koordinationsstelle" mit der Detailplanung des Programms, indem sie die Rückmeldungen aus der Fragebogenaktion auswertete. Ein weiteres Jahr verging damit, daß aufgrund der Detailplanungen der Koordinationsstelle etwa 100 Experten in 5 Konzeptgruppen überregionale und regionale Arbeitsschwerpunkte erarbeiteten. Im Mai des Jahres 1993 wurde der wissenschaftliche Beirat konstituiert, der auch die Zusammenarbeit mit anderen beteiligten Ministerien absichern sollte. Im Dezember 1993 wurde ein zweitägiger Vernetzungsworkshop abgehalten. Dort sollten die Ergebnisse der Konzeptgruppen zu einem Gesamtprogramm verbunden werden.

Auf diesem Workshop wurden erstmals für eine größere wissenschaftliche Öffentlichkeit auch Brüche und Unstimmigkeiten unter den Experten sichtbar. Die enge Verbindung zwischen freiwilliger, und zum Großteil unbezahlter wissenschaftlicher Expertenarbeit und der Hoffnung auf Finanzierung eigener Projekte führte über die gesamte Entwicklungszeit zu einer durchaus produktiven Spannung.

Die Phase der Vorbereitung war durch Schwierigkeiten mit der Herstellung und Verfügbarmachung von Information über Kommunikationsprozesse gekennzeichnet, die sich in den beschriebenen Problemen äußerten. Sie kulminierten in der unterschwelligen Vermutung, die Teilnahme an Konzeptgruppenarbeit sei ein Freifahrschein in den Projekthimmel (als der sie sich nicht erwies, wie aus heutiger Sicht gesagt werden kann). Die Innen/Außendifferenz zwischen jenen, die sich, gemessen an ihrer Beauftragung mit Projekten "erfolgreich", und jenen, die sich "ohne Erfolg" an der Konzeptarbeit beteiligten, wirkt aber, abgesehen von der beschriebenen Eskalation, darüberhinaus als unter den gegebenen Umständen unvermeidliche Grundproblemkonstellation weiter auf Kommunikationsprozesse im Programm.

Die Verschriftlichung der Ergebnisse im "Forschungskonzept 1995", dem ersten Band der zum Schwerpunkt erscheinenden Reihe, stellte einen großen Schritt in Richtung einer Verfügbarmachung von Information für alle InteressentInnen dar. Die Existenz dieser Broschüre war eine Voraussetzung für den Erfolg der weiteren Einreichphasen, da sie einen gesicherten Wissenstand über das Ergebnis des Kommunikationsprozesses der Programmerstellung verfügbar machte.

Ich nahm an diesem Prozeß als Mitglied einer derartigen Konzeptgruppe teil, als Beteiligte an der Einreichung von Forschungsvorschlägen, sowie später als Mitglied des wissenschaftlichen Beirates. In diesem Rahmen hatte ich immer wieder zwischen wissenschaftlichen Eigeninteressen und Gesamtinteressen des Programms abzuwägen, wobei jeweils auch unterschiedliche strategische Ziele verfolgt wurden. Diese Rollenkumulation ist nahezu unvermeidlich. Die Forschungsgemeinde in Österreich ist klein. Zwischen Interessenten und beratenden Personen kommt es daher zu Überschneidungen: Vorwiegend solche Personen, die sich für das Programm inhaltlich interessieren, stehen für Tätigkeiten wie jene des Beirates zur Verfügung, wollen aber dann auch forschen. Da die Forschung in größeren Teams erfolgt, sind die Auswirkungen wohl geringer, als es den Anschein haben mag. Es stellt die Programmleitung trotzdem vor knifflige Aufgaben, die auch in der zweiten Programmphase durch ein mehrstufiges Bewertungsverfahren und eine stärkere Rolle der Auftraggeber bei der Auswahl der zur Angebotserstellung Einzuladenden zu lösen versucht wurden.

In der 1998 erschienenen Broschüre des Wissenschaftsministeriums zur Umweltwissenschaft im öffentlichen Auftrag, in der das Schwerpunktprogramm KLF als Fallbeispiel vorgestellt wurde, nimmt, wie ausgeführt, auch der Controller des Programms, aufbauend auf den Erfahrungen der KLF, zu den Thesen des Ministeriums Stellung (KROTT 1998, S. 22-23). Ministerium und Controller propagieren eine Lösung zur Qualitätssicherung im Hinblick auf diese strukturell angelegten Interessenskonflikte. Sie besteht im Wechsel zwischen Kooperation und Konkurrenz in den verschiedenen Phasen des Programms und ist eine Fortsetzung der oben beschriebenen Öffnungs- und Schließungsstrategien. Dieser Wechsel stellt womöglich einen Grund für die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den inzwischen abgeschlossenen, den laufenden und geplanten Modulen dar, die sich in der Online-Konferenz auch gezeigt haben.

Die CLOC war nicht mehr der Erarbeitung von Forschungsergebnissen, sondern deren Vernetzung und Präsentation im Internet gewidmet, ist also auch als Öffentlichkeitsarbeit, wenngleich mit anderer Zielgruppe und anderen Mitteln, zu verstehen. Wir machten dem Ministerium den Vorschlag, eine solche Initiative zu setzen, um die Kommunikation zwischen den Modulen zu verstärken und die internationale Sichtbarkeit des Programms zu erhöhen.

Die Idee der CLOC als einer Präsentations- und Diskussionsplattform der KLF-community mit internationalen Interessenten war von der Beobachtung der negativen Wirkung der Innen/Außen Differenz und unseren Erfahrungen mit der Struktur interdisziplinären Wissens geprägt. In der Kombination kommunikativer Elemente mit Präsentationen sahen wir einen gangbaren Weg.

 

2.2  "Genese und Wandel der Kulturlandschaft" - Ein Projekt als Beispiel für theoretische Innovation in der angewandten Forschung

Für das Design der CLOC waren neben den Beobachtungen des Gesamtprozesses vor allem Erfahrungen aus dem wissenschaftlichen Projekt "Historische Entwicklung von Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Natur" maßgebend, an dem ich beteiligt war.1

Zwei Beobachtungen aus dem Projekt flossen in das Design der CLOC ein, bzw. führten überhaupt erst zur Idee einer Online-Konferenz. Ein interdisziplinäres Team hat kein gemeinsames methodisches Rückgrat, das es in einen Raum geringer sozialer Entropie ("eine Disziplin") stellen würde. Um ein arbeitsfähiges Team zu konstituieren, muß daher eine gemeinsame Arbeitsgrundlage geschaffen werden. Diese kann nur auf den Erfahrungen des Teams, anders gesagt, auf der gemeinsamen Geschichte des Teams beruhen. Es ist also nötig, den ForschungsPROZESS als Referenz verfügbar zu machen. Solche Verfügung über den Prozeß kann man in Form von Protokollen gemeinsamer Sitzungen und durch gruppendynamische Gestaltung von  Teamsitzungen erzeugen. Die Urheberschaft von Ideen festzustellen und damit die intern wie extern wichtige Zuschreibung an eine/n Autor/In vornehmen zu können, ist aber auch bei Protokollierung (die zudem sehr zeitaufwendig ist) und Dokumentation von Diskussionen schwierig.

Das ist aber gar nicht das Hauptproblem. Dieses orte ich im Festhalten flüchtiger Kreativität in der Gruppe. Gute Ideen werden ebenso schnell vergessen wie sie entstehen, oder vielleicht sogar schneller. Bei der Reflexion des Teamprozesses im Projekt fielen mir einige der "guten Ideen" wieder ein und auf, die zuvor vergessen worden waren. Diese Beobachtung führte dazu, daß wir uns fragten, ob die Einführung projektinterner e-mailbasierter Foren in diesem Punkt nicht Abhilfe schaffen könnte. Im Projekt selbst wurde ein solches Forum nicht mehr geschaffen, seine Vorteile liegen aber auf der Hand. Die Diskussion in einem internen Diskussionsforum ist nachträglich verfolgbar und damit verfügbar, das gemeinsame Gedächtnis ist gestützt.

Wenn die prozessuale Komponente eines Projekts davon profitiert, elektronisch gestützte Kommunikation zu benutzen, wie sieht das mit der Darstellung aus?

Als eines der wesentlichen Ergebnisse des Projektes darf die Form gelten, in der wir die Ergebnisse zur Diskussion stellten: Für unsere vernetzten Ergebnisse wählten wir eine nichtlineare Darstellungsform.

Es handelt sich um ein vielfach vernetztes, auf mehreren Ebenen von Detailliertheit angelegtes html-Dokument, welches auf CD-ROM zur Verfügung steht. Bildschirminformationen werden als Bilder und nicht als Texte wahrgenommen, auch wenn sie aus Text bestehen. Dieser Tatsache tragen ein Farbcode, der durch die CD führt und die sehr umfangreiche Bebilderung des Projektes Rechnung. Die Grundstruktur der Projektpräsentation ist in Abbildung 2 dargestellt.

 

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Abb. 2: Struktur der KG2 - CD-ROM, Erläuterungsgrafik auf der Navigationsebene.

Zu dem in Abbildung 2 gezeigten Überblick über die Gesamtstruktur gibt es in der selben Informationseinheit (technisch gesprochen, in der selben Datei) eine Navigationstabelle, die als oberste Ebene der Abbildung dargestellt ist. Von hier aus gibt es Verbindungen zu allen Kurzfassungen, der ersten Ebene von Texten. Alle Kurzfassungen sind über einen "Rundgang" in vorgegebener, thematisch motivierter Reihenfolge verbunden. Der Rundgang kann überall begonnen werden und hat keinen definierten Anfang oder Ende. Jede Kurzfassung hat eine Verbindung zum jeweiligen Volltext. In der Abbildung 2 ist das zugehörige Beispiel strichliert dargestellt. Das "zentrale Dokument" (eine etwa zehn Seiten umfassende Zusammenfassung des Projekts) hat Verbindungen zu allen Volltexten (wieder ist ein Beispiel strichliert dargestellt). Volltexte können eine Verbindung zu ergänzenden Texten (Addenda) haben, es sind dies Informationen, die so detailliert sind, daß sie nur Spezialisten interessieren werden, und die darin enthaltenen Details sind für das Verständnis des Gesamtinhalts nicht nötig. Inhaltliche Verweise vernetzen die Volltexte untereinander, dies geschieht mittels hyperlinks, die nicht zum Dateienanfang führen, sondern direkt zum Text oder zur Grafik, auf die inhaltlich Bezug genommen wird. In den Volltexten enthaltene Grafiken, Bilder oder Karten sind im Text verkleinert eingefügt, so daß der Gesamtinhalt des Textes überblickbar bleibt. Sie werden durch Anklicken in vergrößerter (zumeist bildschirmfüllender) Ansicht dargestellt. Auf die Verwendung von frames wurde verzichtet, die gesamte CD ist durchgängig in HTML 2.0 programmiert, d.h. auch von älteren Browsern lesbar. Sie wird derzeit in der Schriftenreihe des Forschungschwerpunktes publiziert, und sollte in den nächsten Wochen bei der Koordinationsstelle erhältlich sein.

Neben den Überlegungen zur Verfügbarkeit des Prozesses und unserem Versuch, eine der Struktur interdisziplinärer Ergebnisse adäquate Darstellungsform zu finden, haben die Erfahrungen aus dem Modul KG2 auch die oben ausgeführten Überlegungen zur Struktur interdisziplinären Wissens (vgl. Abb.1) wesentlich bestimmt.

Als Lösung der angedeuteten Probleme interdisziplinärer Forschung wählten wir die praktische Vernetzung durch Wahl gemeinsamer Untersuchungsgegenstände (d.h. hier: Orte) als Möglichkeit der Schaffung einer interdisziplinären Kommunikationsgrundlage für Arbeitsprozesse. Auch diese Erfahrung hoffen wir, auf diese Weise für interdisziplinäre Forschung und transdisziplinäre Prozesse verfügbar zu machen.


1 Dieses Projekt wurde unter der Leitung des Anthropologen Harald Wilfing von einem 8 Personen und 5 Disziplinen umfassenden Team durchgeführt. Ich werte hierbei die Vegetations- und Landschaftsökologie als eigene Disziplin gegenüber der Humanökologie. Dies erscheint mir aufgrund der methodischen Differenz gerechtfertigt.