Magazin - Ausgabe 02/2000
ISSN 1439-9954

Nachhaltigkeit: Gegen den Mißbrauch eines Prinzips

von H. Kenneweg, Berlin

 

7. Was tun?

Der Sinn der vorangehenden, teils historischen, teils um klare Begrifflichkeiten bemühten Diskussion wäre mißverstanden mit einem bloßen Appell "Rettet die Nachhaltigkeit, zurück zum unverfälschten Prinzip". Der durch die Politisierung vollzogene Bedeutungswandel wird sich nicht rückgängig machen lassen, die im Zuge der Agenda 21 in Gang gesetzten Prozesse entwickeln ihre eigene Dynamik. Das Anliegen besteht vielmehr darin, den Nachhaltigkeitsbegriff für das Arbeitsfeld der Landschaftsplanung von verbreiteten Mißverständnissen entsorgen zu helfen und dadurch mögliche Wege zu seiner operationellen Verwendung zu eröffnen. Grundvoraussetzung dafür ist, zu verstehen, daß Nachhaltigkeit als solche kein Ziel vorgeben kann. Erst in Verbindung mit separaten Entscheidungen über Ziele wird Nachhaltigkeit präzise und handhabbar. Analog zu den Nachhaltigkeitsbestrebungen der klassischen Forstwirtschaft des 18. und 19. Jahrhunderts könnten Maßstäbe, Bewertungs- und Kontroll- bzw. Monitoringverfahren entwickelt werden, die es überhaupt erst erlauben zu beurteilen, ob ein Ziel wirklich nachhaltig realisiert wurde bzw. werden kann. So, wie es Bewertungsverfahren zur Beurteilung der Naturnähe bzw. Naturferne ("Hemerobiestufen") gibt, so könnte auch mit Stufen der Nähe oder Ferne zu nachhaltigen Bedingungen gearbeitet werden. Wie in der Landschaftsplanung die Zielsetzung keineswegs immer auf maximale Naturnähe ausgerichtet sein muß (obwohl diese als Bewertungskriterium herangezogen wird), so könnte (was realer wäre als die verbreitete verlogene Nachhaltigkeitsrhetorik) akzeptiert werden, daß nicht jede Planung, auch nicht jede auf sogenannte "nachhaltige Entwicklung" abzielende Planung, Nachhaltigkeit im strengen Sinne erreichen muß, es könnte aber durchaus Rechenschaft abgelegt werden über den Grad der Abweichung von der wirklichen, der idealen bzw. strengen Nachhaltigkeit. Anders als in der an einem einzigen Ziel ausgerichteten klassischen Forstwirtschaft, anders auch als bei den oben herangezogenen Alltagsbeispielen, die ebenfalls Nachhaltigkeit lediglich auf ein bis zwei Ziele ausrichten, hat es die Landschaftsplanung jedoch immer mit multiplen Zielen, mit Zielsystemen zu tun.

Nachhaltigkeitsmodelle wie das klassische "Normalwaldmodell" der Forstwirtschaft existieren bisher erst für einfache Ziele. Mit moderner Datentechnik stellt die Aufstellung komplexerer Modelle kein unüberwindliches Problem mehr dar. Die Behandlung dieser erweiterten Problematik würde jedoch den Rahmen dieses Beitrages bei weitem überschreiten.