Nachhaltigkeit: Gegen den Mißbrauch eines Prinzips von H. Kenneweg, Berlin
5. Bedeutungswandel
Nach der Weltumweltkonferenz in Rio wurde der Nachhaltigkeitsbegriff mit der "Agenda 21" auch nach Deutschland reimportiert, wobei er mehr politisches Gewicht gewonnen hatte, aber auch der politischen Unschärfe anheimgefallen war. Den Forderungen der Industrienationen nach sparsamem Ressourcenverbrauch (mehr Orientierung am Nachhaltigkeitsprinzip) hatten die Entwicklungs- und Schwellenländer auf der Rio-Konferenz ihr Recht auf eine durch Umweltauflagen ungehemmte Entwicklung entgegengesetzt, das bis zum Erreichen des Status der Industrieländer gelten sollte. Als Kompromiß in diesem Konflikt wurde das Prinzip der "nachhaltigen Entwicklung" (sustainable development) gefunden. Die Industrieländer sollten den Entwicklungsländern helfen, die erforderlichen Beschränkungen und Auflagen zu tragen. Mit dem Begriff "sustainable development" bekam "sustainability" schlagartig weltweite Bedeutung. Der internationale, nunmehr politisch gefärbte und inflationäre Gebrauch dieses Begriffs führte naturgemäß dazu, daß er eine stark variierende Bedeutung bis hin zum nahezu bedeutungslosen Modewort erhielt. Von der absoluten Stringenz des ursprünglichen planerischen Nachhaltigkeitsbegriffs ist in den Alltagsdebatten um den "Agenda-21-Prozeß" kaum noch etwas zu spüren. Die Phase der Neudeutung und -interpretation ist noch im Gange, aber es gelingt nicht mehr, das Planungsprinzip "Nachhaltigkeit" von den damit verbundenen Zielsetzungselementen zu trennen, die in unterschiedlicher Weise und mit stark unterschiedlicher Gewichtung aus den Eckmarken der Agenda 21, nämlich Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit, je nach Bedarf sehr unterschiedlich kompiliert werden. Von manchen Akteuren des "Agenda-Prozesses", besonders im Rahmen der "lokalen Agenda 21", wird allen Ernstes erwartet bzw. behauptet, daß es mit Hilfe des verwaschenen Zauberbegriffs "Nachhaltigkeit" und partizipatorischer Planung möglich werden könne, die inneren Zielkonflikte dieses weiten, stark divergierenden Bereichs widerspruchsfrei zu bewältigen, ganz als habe es die heftigen Auseinandersetzungen der 70er Jahre um Planungsbegriffe und -methoden, besonders um Zielkonkretisierung und Zielkonflikte nie gegeben. Ähnlich wie bei dem Begriff "Ökologie", der ursprünglich eine Naturwissenschaft (Teil der Biologie) bezeichnete, nun aber zu einem hauptsächlich politisch verstandenen Leitbegriff mutiert ist, wird man sich auch beim Begriff "Nachhaltigkeit" damit abfinden müssen, daß die ursprünglich klare und einfache Bedeutung in der großen Öffentlichkeit nicht mehr verstanden wird, sondern daß der Begriff zur Bezeichnung eines hochkomplexen politischen Leitbildes herhalten muß, über dessen Bedeutung Regierungskommissionen beraten (MINSCH et al. 1998) und dessen Berücksichtigung in Ökonomie und Politik Gegenstand größerer wissenschaftlicher Werke ist (z.B. RENNINGS et al. 1997). Unter den vielen existierenden Definitionen für den Begriff "nachhaltige Entwicklung" stammt die relativ einfachste und allgemeinste von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (WSED), die nach ihrer Vorsitzenden auch "Brundtland-Kommission" genannt wurde. Nach deren Bericht "Unsere gemeinsame Zukunft" wird "sustainable development" beschrieben als eine "Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können" (HAUFF 1987, S. 46). Auch in dieser Definition ist das Planungsprinzip Nachhaltigkeit mit Zielsetzungselementen verwoben, aber noch erkennbar. Es wäre für wissenschaftliche Diskussionen sicher hilfreich, den reimportierten Beriff "sustainability" in seiner zielbeladenen politischen Bedeutung mit "Zukunftsfähigkeit" zu übersetzen, um weiterhin mit dem neutralen Prinzip "Nachhaltigkeit" arbeiten zu können, ohne ständig Mißverständnisse zu riskieren. |
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