Magazin - Ausgabe 02/2000
ISSN 1439-9954

Nachhaltigkeit: Gegen den Mißbrauch eines Prinzips

von H. Kenneweg, Berlin

 

4. Nachhaltigkeit im Alltag

Anhand einiger Alltagsbeispiele und Anwendungsüberlegungen für Projekte fernab der Forstwirtschaft sollen Eigenschaften und Forderungen dargelegt werden, die sich aus dem Nachhaltigkeitsstreben ergeben:

Beispiele:

  1. Die meisten produzierenden Betriebe sind dem Nachhaltigkeitsprinzip sektoral verpflichtet (auch wenn sie auf eine keineswegs nachhaltige Weise die Umwelt zerstören): Die Kontinuität der Produktion ("Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß ...") erfordert auch die kontinuierliche Versorgung mit Energie, Rohstoffen usw. Wenn die kontinuierliche Rohstoffversorgung zeitweise schwierig ist (Störung der Nachhaltigkeit), so kann das durch Lagerhaltung (besonderer Aufwand) oder durch besondere Management-Anstrengungen (flexibles Transportsystem "just in time") aufgefangen werden. Das System ist störanfällig (z.B. Streik). Nicht alle Produktionsprozesse sind im strengen Sinne nachhaltig praktizierbar. Bei einer Zuckerfabrik erfolgt die Rohstoffversorgung diskontinuierlich, nur zur Zeit der Rübenernte ("Kampagne").

  2. Von einem Hochschulinstitut mit 9 Hochschullehrern, die jeweils 8 Semesterwochenstunden Lehrverpflichtung haben, wird in jedem Semester eine Lehrleistung von 72 Semesterwochenstunden erwartet. Die Beurlaubung eines Hochschullehrers wegen Forschungssemesters (Störung der Nachhaltigkeit) kann durch Mehrleistung der verbleibenden 8 Hochschullehrer (jeweils 1 Semesterwochenstunde) ausgeglichen werden; es kann nach dem Rotationsprinzip jedes Semester ein Hochschullehrer ein Forschungssemester in Anspruch nehmen, wenn die verbleibenden 8 Hochschullehrer 9 Semesterwochenstunden Lehrverpflichung übernehmen. Jeder kann sich dann jedes 9. Semester für Forschung freistellen lassen. Hier wären zwei prinzipiell nicht konfliktfreie Ziele (72 Semesterwochenstunden Lehre; jeweils 1 Hochschullehrer im "Sabbatical") unter Wahrung der Nachhaltigkeit in einem Rotationsprinzip gewährleistet.

  3. Der Torfkörper eines naturnahen Niedermoors wächst jährlich um 1 mm. Der Torfkörper eines entwässerten, landwirtschaftlich genutzten Niedermoors wird jährlich um 1 cm abgebaut. Das möglicherweise von Landschaftsplanern aufgestellte Ziel "nachhaltige Sicherung des Niedermoorbestandes" ist nur erreichbar, wenn bis zu 10% der Moorfläche (eventuell in einem langfristigen Rotationssystem) genutzt werden, aber 90% der Nutzung entzogen bleiben.

  4. Ein Atomkraftwerk beanspuche 10 ha Fläche. Seine Betriebsdauer betrage 30 Jahre, die Zeit, bis es nach Abklingen der Radioaktivität gefahrlos abgerissen werden kann, 3000 Jahre. (Diese Annahme ist noch sehr optimistisch; der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung rechnet nach EWERS (2000) in seinem Gutachten des Jahres 2000 mit noch wesentlich längerer Gefahrendauer, und er hält die Beseitigung radioaktiver Abfälle für das wohl nicht lösbare Kernproblem der Kernenergie.) Ein aufgrund dieser Annahmen konstruiertes langfristig nachhaltiges Rotationssystem (Abb. 3) bestünde jeweils aus einem aktiven und am Ende, nach 3000 Jahren, 99 "abklingenden" Werken und würde eine Fläche von 1000 ha (10 km²) beanspruchen.



Kraftwerke

Abb. 3: Nachhaltigkeitsmodell für zivile Kernkraftnutzung (Kraftwerk); die Rohstoffverfügbarkeit ist als möglicher begrenzender Faktor nicht einbezogen.
  1. Die Forderung, eine Personengruppe solle nachhaltig so zusammengesetzt sein, daß immer 10% (nicht wesentlich mehr und nicht wesentlich weniger) zwischen 21 und 30 Jahre alt sind, läßt sich für eine Gruppe, die aus weniger als 10 Personen besteht, niemals erfüllen. Kommen weitere Forderungen hinzu, z.B. Ausbildungsstand, Geschlecht, Erwerbstätigkeit, Zahlung von Sozialbeiträgen, so wird es immer schwieriger, ein Nachhaltigkeitsmodell aufzustellen; kann die Gruppe nicht frei zusammengestellt werden und/oder lassen sich die Einflußfaktoren nicht (z.B. durch Auswahl) bestimmen, so dürfte es unmöglich sein, Nachhaltigkeit im strengen Sinne (Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß ...) zu garantieren ("Die Renten sind sicher.").

  2. Aktivitäten, die nicht (oder nur in geologischen Zeiträumen) erneuerbare Ressourcen verbrauchen, können bezüglich der Zielsetzung "Ressourcenerhalt" niemals nachhaltig sein. Die nachhaltige Sicherung beispielsweise des Kriteriums "ewige Jugend" ist für ein mehrzelliges Einzelwesen leider niemals, für große Kollektive (Populationen) von Lebewesen in Anteilen prinzipiell durchaus vorstellbar.

Die operationelle Sicherung der Nachhaltigkeit, wie sie in den vorangegangenen Abschnitten dargestellt wurde, ist also

  1. nicht immer möglich; es gibt untaugliche Objekte und Objektgruppen.
  2. äußerst unterschiedlich zu beurteilen, je nach verfolgter Zielsetzung.
  3. unter dem Vorbehalt gewisser Mindestanforderungen (Größe, Einheitlichkeit) an die zu betrachtenden Objekte oder Objektgruppen zu sehen.
  4. praktisch nur realisierbar aufgrund ausreichender Vorinformationen und unter dem ständigen Korrektiv von Nachkontrollen.