Magazin - Ausgabe 02/2000
ISSN 1439-9954

Nachhaltigkeit: Gegen den Mißbrauch eines Prinzips

von H. Kenneweg, Berlin

 

3. Nachhaltigkeitsmodelle

An dem stark vereinfachten, fiktiven Beispiel eines sehr konventionell arbeitenden Forstbetriebes (Altersklassenwald mit Nadelholzreinbeständen), der langfristig und äußerst stringent eine nachhaltige Bewirtschaftung seiner Flächen erreichen möchte, soll die Leitidee der forstlichen Nachhaltigkeitsplanung veranschaulicht werden. Nachhaltigkeit wird hier als Prinzip aufgefasst, das Beschränkungen verursacht, nicht als Ziel. Charakteristisch dabei ist, daß der reale Betrieb, im Falle des Beispiels nur bezüglich seiner Flächenausstattung, dem ideal auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Modellzustand desselben Betriebes gegenübergestellt wird. Bei der Planung sind nur solche Maßnahmen zulässig, die möglichst schnell zur Erreichung dieses Idealzustandes führen. Andere, im übrigen durchaus plausible und häufig ökonomisch vorteilhaftere Maßnahmen müssen dem einschränkenden Diktat der Nachhaltigkeitsforderung geopfert werden. "Möglichst schnell" kann in forstlichen Kategorien (ähnlich wie beim Naturschutz) gleichwohl viele Jahrzehnte oder ein Jahrhundert überschreiten. Das planerische Leitbild eines bezüglich idealer Nachhaltigkeitsbedingungen optimierten Waldes oder Forstbetriebes wird als "Normalwaldmodell" bezeichnet.

 

Zustand 1900

Zustand 1900

IdealIdeale Altersklassenverteilung RealReale Altersverteilung

 

Zustand 1960

Zustand 1960

IdealIdeale Altersklassenverteilung RealReale Altersverteilung


Zustand 2000

Zustand 2000

IdealIdeale Altersklassenverteilung RealReale Altersverteilung
Abb. 1: Der lange Weg von der Neu-Aufforstung eines Waldes zum Nachhaltsbetrieb 

Der in den Abbildungen 1 und 2 darzustellende fiktive Betrieb sei 100 ha groß, bestehe ausschließlich aus der Baumart Kiefer, sei zwischen 1881 und 1900 durch Heideaufforstung entstanden und solle mit 100jähriger Rotation ("Umtriebszeit") bewirtschaftet, aber dabei auch zum Nachhaltigkeitsbetrieb umgestaltet werden. Seine Entwicklung über 100 Jahre (zwischen 1900 und 2000) wird in der Graphik dargestellt. 1900 bestand der gesamte Wald (100 ha) aus Beständen im Alter zwischen 1 und 20 Jahren (Altersklasse I). Nach dem Normalwaldmodell für diesen Betrieb und eine 100jährige Umtriebszeit sollten nur 20 ha dieser Altersklasse zugehören, und jeweils 20 ha auch den Altersklassen II (21-40jährig) bis V (81-100jährig). Während der nächsten 40 Jahre hat sich nichts geändert, nur daß der Waldblock insgesamt älter geworden ist. Die ältesten Bestände waren 1940 60 Jahre alt. Sie waren damals noch nicht hiebsreif, erbrachten aber bei Nutzung schon einen gewissen Ertrag, und aus Nachhaltigkeitsgründen wurde von diesem Zeitpunkt an jährlich ein Hektar genutzt und wieder verjüngt, obwohl eine spätere Ernte lukrativer gewesen wäre. So erklärt sich der Waldzustand von 1960: 20 ha gehören der Altersklasse I an, was bereits dem Normalwald entspricht, es fehlen aber noch die Altersklassen II, III und V, während der große Waldblock jetzt nur noch 80 ha groß ist und der Altersklasse IV zugehört. Weiterhin wird – dem Nachhaltigkeitsgebot entsprechend – jedes Jahr ein Hektar Wald geerntet und wieder verjüngt. Bis zum Jahre 2000 sind die Altersklassen I, II und III dem Normalwald entsprechend mit Fläche ausgestattet, die Altersklassen IV und V fehlen, und die Reste des alten Waldblocks , noch 40 ha groß, sind inzwischen in der Altersklasse VI und damit überaltert. Wenn weiterhin jährlich ein Hektar Wald benutzt und wieder verjüngt wird, kann im Jahre 2040 der Zustand des Normalwaldes erreicht sein. Die Zeit bis dahin ist wiederum problematisch: der älteste, im Jahre 2040 zu nutzende Bestand wird dann 160 Jahre alt und damit um 60 Jahre überaltert sein. Die damit verbundenen Zuwachs- und Einnahmeverluste und Risiken sind wiederum als Opfer zu werten, das der Nachhaltigkeitsidee dargebracht wird.

Real wird der Zustand des Normalwaldes nie erreicht, unter anderem auch deshalb nicht, weil sich Ziele und Leitbilder über so lange Zeiträume ändern. Auch das soll noch an einem Alternativ-Szenario für den vorgestellten fiktiven Forstbetrieb veranschaulicht werden (Abb. 2). Seit 1980 wird konsequent die Umwandlung von Nadelholz in Laubholz betrieben, das in 140jährigem Umtrieb zu bewirtschaften sein wird.

 

Zustand 2000 (Alternativ-Szenario)

Zustand 2000 - Alternativ-Szenario

IdealIdeale Altersklassenverteilung eines Buchen-Normalwaldes
RealReale Baumarten- und Altersverteilung
LaubholzLaubholz, vorhanden
Abb. 2: Geänderte Ziele verändern das Nachhaltigkeitsmodell und die Fristen bis zur möglichen Erreichung nachhaltiger Bedingungen 

Ein neues Normalwaldmodell mit Flächen von jeweils 14,29 ha für die Altersklassen I bis VII ist anzuwenden, dessen Vorgaben bis zum Jahre 2120 nur dann zu erreichen sind, wenn man die vorhandenen Kiefernwälder vorübergehend sogar über das Alter von 160 Jahren hinaus überaltern lassen kann. Ist das nicht möglich, so verschiebt sich das Erreichen des idealen Nachhaltigkeitszustandes um eine weitere Waldgeneration, also weit bis ins 23. Jahrhundert hinein. Das hier verwendete Leitbild "Laubwaldbewirtschaftung im Altersklassenbetrieb" entspricht keineswegs dem aktuellen Stand der Waldbaukunst, vielmehr gelten Leitvorstellungen von ungleichaltrigen Mischbeständen. Die für solche Bestände verwendbaren Nachhaltigkeitskontrollen sind jedoch ungleich komplizierter und können hier nicht diskutiert werden. Speziell interessierten Lesern seien als weiterführende Literatur beispielsweise die Beiträge von OESTEN (1993) und/oder von SPELLMANN (1999) empfohlen.

Das simple forstliche Beispiel für praktizierte Nachhaltigkeit sollte demonstrieren, daß ernst genommene Nachhaltigkeitsforderungen selbst bei überschaubaren Zielsetzungen und unter vereinfachten Bedingungen für Planungsvorgänge und Management-Entscheidungen nicht folgenlos bleiben können. Nicht unbedingt direkt aus dem Beispiel ableitbar, aber gleichwohl gültig sind folgende Feststellungen:

  • Nachhaltigkeit ist nicht zum Nulltarif zu haben; sie verursacht, kurzfristig beurteilt, Einbußen und fordert Restriktionen; dynamische Systeme, die nachhaltig funktionieren sollen, sind störanfällig. Die Aufrechterhaltung der Nachhaltigkeit kann besondere Aktivitäten oder Beschränkungen erforderlich machen.

  • Nachhaltigkeit mit räumlichen Ansprüchen (z. B. Forstwirtschaft, Arten- und Biotopschutz) erfordert die Angabe von konkreten Gültigkeitsbereichen bzw. Bezugsräumen. Die nachhaltige Gewährleistung einer Zielerfüllung ist nicht in beliebig kleinen räumlichen Einheiten möglich, allzu große Einheiten machen dagegen die Forderung nach Nachhaltigkeit unverbindlich und beliebig.

  • Nachhaltigkeit verlangt langfristiges, im Grunde am Prinzip der Ewigkeit ausgerichtetes Denken, Modellieren und Handeln.

  • Nachhaltigkeit kann nur konkret (aufgrund von Messungen, Zählungen, Schätzungen, Modellierungen, Prognosen usw.) umgesetzt werden.

  • Ohne Kontrollen (Veränderungsnachweise, "Monitoring") kann nicht beurteilt werden, ob eine Planung, ein dynamischer Ablauf usw. als "nachhaltig" angesehen werden kann.

  • Nachhaltigkeit kann im Einzelfall wünschenswert, aber unerreichbar sein. Nachhaltigkeit, als Prinzip verstanden, ist unteilbar; es gibt ebensowenig ein bißchen Nachhaltigkeit wie ein bißchen Schwangerschaft; allenfalls können Fristen zu ihrer Erreichung kürzer oder länger gefaßt sein. Es gibt Ziele und Vorgänge, bei denen bekannt ist daß sie mit Nachhaltigkeitsforderungen unvereinbar sind (z. B. der Verbrauch nicht nachwachsender Rohstoffe). Die mißbräuchliche Verwendung des Begriffs "Nachhaltigkeit sollte in solchen Zusammenhängen unterlassen werden.