Magazin - Ausgabe 02/2000
ISSN 1439-9954

Nachhaltigkeit: Gegen den Mißbrauch eines Prinzips

von H. Kenneweg, Berlin

 

2.  Rückblick auf das Nachhaltigkeitsprinzip in der Forstwirtschaft

Ein praktizierbarer Umgang mit der sperrigen Materie "Nachhaltigkeit", insbesondere eine Einigung über die konkrete Zielsetzung, soll nach den Vorstellungen der Befürworter der Agenda 21 durch partizipatorische Kooperation zwischen allen zu beteiligenden Akteuren erreicht werden. Es zeigt sich, daß dies ein langwieriger und schwieriger Prozeß mit ungewissen Erfolgschancen ist.

Ein Rückblick auf die historische Entwicklung von Prozeduren und Modellvorstellungen, die die Nachhaltigkeitssicherung in der praktischen Forstwirtschaft gewährleisten sollten, erscheint zu Vergleichszwecken, aber auch im Hinblick auf Alternativen für heutige Problemlösungen interessant. In der traditionellen Forstwirtschaft wurde allerdings Nachhaltigkeit immer nur bezogen auf ein schmales Zielspektrum (Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß optimierter Holzerträge) angestrebt, nicht bezogen auf ein komplexes Zielsystem.

Obwohl die Leitidee langfristig-gleichmäßiger Holzversorgung in lokalen "Weistümern" (Waldordnungen) und in landesherrlichen Forstordnungen teilweise schon vor dem 15. und 16. Jahrhundert nachweisbar ist, benutzte H. v. Carlowitz 1713 erstmals den Terminus "Nachhaltigkeit" für dieses Prinzip der Waldbewirtschaftung (v. CARLOWITZ, 1713; nach HASEL, 1985). Später überboten sich die "forstlichen Klassiker" und ihre Nachfolger in der "strengen" bzw. "strengsten" Observanz dieses Prinzips (z.B. HEYER, 1862; JUDEICH, 1878) und entwickelten Meß-, Berechnungs-, Planungs- und Kontrollmethoden, die das Nachhaltigkeitsprinzip, bezogen auf das Ziel der Erreichung gleichmäßiger und möglichst hoher jährlicher Holzerträge operationell auf Betriebsebene umsetzten (KOCH, 1957, vgl. auch Kap. 3). Auf JUDEICH gehen die Forsteinrichtungsverfahren zurück, die im Alterklassenwald bis heute für die Ermittlung des "nachhaltigen" Hiebsatzes und für die Ertragsregelung praktiziert werden. Im Laufe der Zeit wurde mit veränderter bzw. erweiterter Zielsetzung der Forstwirtschaft auch das Nachhaltigkeitsprinzip auf neue Bereiche ausgedehnt. Neben der traditionellen (Holz- ) Nutzfunktion fanden "Neben"nutzungen des Waldes sowie dessen Schutzfunktionen und seine Bedeutung für die Erholung der Bevölkerung zunehmende Beachtung bei der Waldbewirtschaftung; es wurden neue Nachhaltigkeitsbegriffe in Verbindung mit der differenzierteren Zielsetzung geprägt wie "Nachhaltigkeit der Gelderträge" oder "Nachhaltigkeit der Vielfachnutzung des Waldes". Eine quantitative Operationalisierung der Nachhaltigkeit für diese erweiterte Zielsetzung in gleicher Weise, wie sie bei den Holzerträgen praktiziert wird, wurde in der Forstwirtschaft für diese komplexen Zielsetzungen nie erreicht. In einem Forstbetrieb hätte der scheinbar nicht gravierende Wechsel von der traditionellen "Nachhaltigkeit höchster Holzerträge" zu einer "Nachhaltigkeit höchster Gelderträge" den alsbaldigen Verkauf der Waldflächen, also die Aufgabe der Forstwirtschaft zur Folge, einfach weil andere Geldanlagen höhere Renditen erbringen als die Waldbewirtschaftung. Mit beiden Nachhaltigkeitsauffassungen nicht kompatibel wäre die naturschutzkonforme "Nachhaltigkeit der Gewährleistung von 10% Totholzanteil". Sollen gleichzeitig mehrere Ziele, gar ein ganzes Zielsystem "nachhaltig umgesetzt" werden, dann erbt das solcherart erweiterte Nachhaltigkeitsprinzip alle Probleme, die eine multiple Zielsetzung mit sich bringt: Zielkonflikte, innere Widersprüche, Unschärfe, Komplexizität, schwindende Operationaliät.