Magazin - Ausgabe 02/2000
ISSN 1439-9954

Nachhaltigkeit: Gegen den Mißbrauch eines Prinzips

von H. Kenneweg, Berlin

 

1. "Nachhaltigkeit" - Prinzip oder Ziel?

Der Begriff "Nachhaltigkeit" (engl.: sustainability) stammt aus der deutschen/mitteleuropäischen Forstwirtschaft. Er fand über den Internationalen Verband forstlicher Forschungsanstalten (IUFRO) weltweite Verbreitung. Nach über 200jähriger Erfahrung mit nachhaltiger Forstwirtschaft wurde er unter Forstleuten verstanden als "Dauer, Stetigkeit und Gleichmaß einer Zielerfüllung". Ziele werden nach dieser Auffassung nicht als Teil dieses Begriffs verstanden, sondern als etwas Getrenntes, Nachgeordnetes. Danach wäre "Nachhaltigkeit" ein (Planungs-)Prinzip, vergleichbar dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit bzw. Rationalität (ein gebenes Ziel mit geringstmöglichem Aufwand oder ein möglichst weitgestecktes Ziel mit gegebenem Aufwand zu erreichen trachten). Es gehört zu den sprichwörtlichen Eigenschaften von Prinzipien, daß ihnen Schlichtheit und Klarheit, aber auch Strenge und Unerbittlichkeit anhaften. Das Nachhaltigkeitsprinzip leitet daraus sogar seine gesamte Bedeutung ab, denn mit seiner Hilfe sollen die üblichen "ad hoc" gefällten Entscheidungen und kurzfristig rational erscheinenden Planungen bezüglich ihrer langfristigen Auswirkungen beurteilt und ggf. revidiert werden. "Nachhaltig" kann dadurch hinterhältig werden.

Nachdem die Weltumweltkonferenz 1992 in Rio den Terminus "nachhaltige Entwicklung" (sustainable development) geprägt hatte, der zunächst als politische Kompromissformel zu verstehen war, erhielt das Wort "Nachhaltigkeit", das bis dahin als Fachbegriff nur wenigen Spezialisten geläufig war, eine weltweite Popularität, es wurde aber durch inflationären Sprachgebrauch auch stark verwässert. Aus dessen früherer Definition (als Prinzip) war vor 1992 klar gewesen: durch die Anbindung an eine konkrete Zielsetzung erhält das an sich neutrale, man könnte sogar sagen "charakterlose" Nachhaltigkeitsprinzip erst seine Eigenschaften, seine Farbe. Veränderte Ziele verändern dementsprechend sofort auch diesen Charakter. Die heterogene, pluralistische, planungstheoretisch meist unbekümmerte Umweltpolitik und die Weltöffentlichkeit begreifen demgegenüber den politischen Nachhaltigkeitsbegriff geradezu als eigenständig charakterbildend. Allerdings sind die Prediger der neuen Nachhaltigkeit an der Trennung von Begrifflichkeiten wie "Planungsprinzipien" und "Planungszielen" uninteressiert, vielleicht auch damit überfordert. Für sie ist "Nachhaltigkeit" (moderner: Zukunftsfähigkeit) oder "nachhaltige Entwicklung" zum umfassenden hehren Leitbild, zum Inbegriff alles langfristig Begehrenswerten geworden. Im Anhalt an "Rio" und die dort auf den Weg gebrachte "Agenda 21" wird das hochkomplexe und niemals eindeutig definierte Ziel der politischen Nachhaltigkeit lediglich unterteilt in ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Teilaspekte. Das Problem besteht darin, daß fast jede Organisation und Gruppierung ein anderes Ziel "nachhaltig" verfolgt. Die Fortschritte der "Agenda 21" fallen entsprechend heterogen, widersprüchlich und insgesamt gering aus. Die Sprachverwirrung erinnert an den Turmbau zu Babel. Erstaunlich ist das eigentlich nicht. Erstaunlich ist eher, daß Planer, sogar Forstleute, die definitiv genau wissen, was unter Nachhaltigkeit zu verstehen ist, die neue schwammige Begrifflichkeit weitgehend klag- und kritiklos übernehmen und (unter dem Druck internationaler Sprachregelung?) die scheinbar abgeschlossene planungstheoretische Diskussion der 60er und 70er Jahre um Zielgewichtungen und Zielkonflikte mit veränderter Nomenklatur, sonst aber unverdrossen zu wiederholen beginnen (MERKER u. SPELLMANN, 2000).